„Blick zurück“ , Kreide auf schwarzes Büttenpapier, 70 x 50 cm, Text/Vortrag Elisabeth Mittag vom 8. Oktober 2021, in G.A.S.-Station, Berlin – verfasst zur Zeichnung & anlässlich des 100. Geburtstags von Stanislaw Lem

Der Mensch hat Zeit

(Oder: Pirx II auf Patrouille)

Auf der Erde rattern die Maschinen und der Mensch hat Zeit. Zeit, um sein Haus zu bestellen. Zeit, um sein Haus zu stellen, mitten hinein ins All. Das Haus wächst, es wächst und der Kosmos wird klein. Doch das ewige Ringelspiel der Zeit lässt sich nicht ökonomisieren. Die Zeit spielt ihr Spiel und vergisst sich dabei. Der Mensch aber greift dazwischen und hat sich vergessen. So bezwingt er den Kosmos. Er hängt an einer Nabelschnur im All, ganz neu ist er und schon unter Druck. Er rettet sich in eine Kapsel – und herrscht. Er hat ja jetzt einen glänzenden Panzer. Und dort drinnen ist alles erlaubt, alles, nur Spielzeug nicht. Keine kleinen Automaten, die jenseits des Vernünftigen agieren, aber in ihrer absoluten Nutzlosigkeit wie nebenbei die Vernunft erhalten. Keine motorisierten Traktoren, die über Miniaturlandschaften tuckern; keine automatischen Vögel, die nach imaginären Körnern picken; keine Geschicklichkeitsspiele, die die Zeit vertreiben, die sich staut und zäh wird, wie der Teig, in den Max und Moritz fallen, kurz bevor sie, gut geschrotet, von ganz garstigen – aber natürlich imaginären – Vögeln gefressen werden, die dadurch gerade noch rechtzeitig ihren Nutzen unter Beweis stellen konnten.

Nein, spielen ist dir nicht erlaubt. Aber ach, das Träumen!  Nach den Sternen greifen, im Besitz unendlicher Welten sein! Mit ihnen spielen, wie mit den Murmeln einst! Halt sie ins Licht. Schau, sie leuchten und schimmern. Fast als wären sie aus Glas. Das ist dein Werk. Halt sie ins Licht!

So ist die Erde von außen gesehen, so ist sie: mit Abstand gesehen muss sie zerspringen. Sie zerspringt, denn es ist dunkel und die Erde ist groß und dein Auge klein. Sie zerspringt, denn es ist unendlich dunkel und die Erde ist klein. Noch kleiner ist der Mensch. Das ist die Erde, blickst du zurück: eingerahmt – es fehlt ein Stück.

Ah, du kannst es nicht lassen, was, alter Kosmonaut? Du greifst wieder dazwischen, malst sie an mit deiner unnützen Hand, blau und grün, deine alte Heimat, teilst sie ein in die alten Länder, ziehst wieder die alten Grenzen. Lass, sie hat ihr eigenes Muster. Sie kommt zurecht. Sie, und dein Bild von ihr.

Der Mensch schwebt in der Leere, es tropft die Zeit, es tropft sein Verstand und irgendwo Unten – wenn es das noch gäbe, es hat keinen Sinn mit Maßstäben und Perspektiven zu hantieren, aber was macht schon Sinn –, irgendwo unten bildet sich ein Meer. Ja, die Zeit ist ein Meer, das dehnt sich in den unendlichen Raum hinein, und mit ihm dehnt sich des Menschen Verstand. Halt! Was jetzt hilft, was immer hilft ist ein Traum, ein schöner, ein schönster Traum. Nein, stopp! Was vielmehr hilft ist eine Geschichte. Die machst du selbst. Hör zu! Zum Beispiel die von den drei kleinen Schweinchen. Sie sind der Inbegriff der zivilisatorischen Entwicklung und am Ende steht das perfekte Haus, und es kann pusten und prusten wer will, es wird standhalten den Widernissen der Zeit, diesem alles verschlingenden Wolf – wäre da nicht, ja wäre da nicht der verdammte Schornstein und – müssten wir nicht auch hin und wieder Mal nach draußen. Zum Glück haben wir unseren Verstand.

Der Mensch bezwingt den Kosmos. Er nimmt mit, was er hat. Da hängt er, zwischen all den Armaturen, nützlichen Automaten und Maschinen: ein Spiegel. Schau nur, wie verführerisch er glänzt. Aber ach, wie unheimlich dieser Spiegel ist! Selbst wenn in ihm das grauslichste Ungetüm erscheint, immer ist es doch nur der Mensch.

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